Das Wort zum Sonntag

Lutz Heidebrecht

Wort zum Sonntag
am Samstag, 22. Juli 2017
Vergeben und nicht vergessen

Klassentreffen nach 30 Jahren – plötzlich steht er vor mir und ich spüre, wie die alten Gefühle wieder hochkommen. Hatte ich die Geschichte nicht längst vergessen? Der genaue Wortlaut seiner Bemerkungen kommt mir in den Sinn und ich erinnere mich bis ins Detail.
Es ist ein Trugschluss, dass zum Vergeben auch das Vergessen gehört. Vergebung ist eine bewusste Willensentscheidung, Vergessen ist ein unbewusster Prozess. Was wir meinen, wenn wir sagen „vergeben und vergessen“ ist, wir wollen nicht mehr dran denken. Tatsächlich ist es so: wer nicht vergeben hat, muss sich erinnern; wer aber vergeben hat, darf sich erinnern.
Ist das zu theoretisch? Ein Beispiel. In diesen Tagen jährt sich die Versöhnung der lutherischen und der mennonitischen Kirche. Im Juli 2010 haben sich der Lutherische Weltbund und die Mennonitische Weltkonferenz in Stuttgart gegenseitig vergeben und offiziell versöhnt. Im Zentrum vorausgehenden langjährigen Gespräche stand die Verfolgung der Täuferbewegung im 16. Jahrhundert. Statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, ist es nach fast 500 Jahren gelungen, gemeinsam die Geschichte anzuschauen, sie zu bewerten und die eigene Schuld zu benennen. Wenn wir nun auf die Versöhnung zurückschauen, tun wir es ohne gegenseitige Schuldzuweisung. Wir können, ja, wir dürfen und sollen uns erinnern, damit wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Im Zentrum der Erinnerung steht jetzt nicht mehr die Schuld, sondern die gegenseitige Vergebung. Auf dem Fundament der Liebe und der Vergebung Gottes können wir zu unserer Schuld stehen, uns selber und auch gegenseitig vergeben. Ein beendeter Krieg, ein beigelegter Konflikt, eine überwundene Ehekrise sind Gründe zum Erinnern, zum Danken und zum Feiern. Es muss ja nicht immer 500 Jahre dauern, bis das möglich ist. Mein nächstes Klassentreffen kommt bestimmt.

Pastor Lutz Heidebrecht
Mennonitengemeinde Backnang
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Lutz Heidebrecht

Wort zum Sonntag
am Samstag, 20. Mai 2017

Reformationsjubiläum einmal anderes

Vor genau 450 Jahren, also im Jahr 1567, hielt sich der lutherische Theologe Jakob Andreae in Esslingen 33 bemerkenswerte Predigten. Jakob Andreae, geboren 1528 in Waiblingen, war mittlerweile Theologieprofessor in Tübingen und kam wohl wegen der dortigen Pest für einige Monate nach Esslingen. Er war maßgeblich an der Erstellung der Konkordienformel (1577) beteiligt, die die Zerwürfnisse innerhalb der lutherischen Kirche nach dem Tod Martin Luthers verbinden sollte.

Die letzten 10 Predigten seiner Predigtreihe in Esslingen widmete er der Lehre der Täuferbewegung, die durch die Tätigkeit des Täuferpredigers Wilhelm Reublin in Süddeutschland zu einer beachtlichen kirchlichen Gruppe geworden war. Das Täufertum war hier zunächst von den Schweizer Täufern bestimmt worden. In Friesland wurden die verfolgten Täufer dann Mennoniten genannt, weil sie dort von dem ehemaligen katholischen Priester und Namensgeber Menno Simon in Ortsgemeinden gesammelt und betreut wurden.

Warum sollte man sich nach 450 Jahre an Jakob Andreae erinnern? Weil er sich zusammen mit Johannes Brenz deutlich gegen die damals häufig an den Täufern vollzogenen Todesstrafe ausgesprochen hat. Natürlich hat er in seinen Predigten in Esslingen versucht, die Überzeugungen der Täufer zu widerlegen, aber er hat sich immerhin die Mühe gemacht, ihre Schriften zu lesen, sich mit Vertretern der Bewegung zu treffen und ihre Argumente zu verstehen. So geht er Schritt für Schritt die täuferischen Überzeugungen durch und spricht über Wahrhaftigkeit, Gewaltfreiheit, das Taufverständnis und das fehlende Amtsverständnis der Täufer. Wir können mindestens zwei Sachen von Jakob Andreae lernen.

Im Jahr des 500jährigen Reformationsjubiläums sollten gläubige Menschen sich nicht weniger Mühe geben, einander zu verstehen. Ökumene ist kein Einheitsbrei, sondern die profilierte Begegnung von Menschen mit unterschiedliche Überzeugungen. Auch wenn Jakob Andreae nicht um Verständnis für die Täufer geworben hat, soll seine Überzeugung hervorgehoben werden, dass keine Konfession und keine Religion die von ihr erkannte Wahrheit mit Gewalt durchsetzen darf.

Ja, das ist angesichts der Glaubenskriege im 21. Jahrhundert ein frommer Wunsch für das Reformationsjubiläum, aber vielleicht können wir uns in unserem Umfeld für seine Verwirklichung einsetzen.


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 12. November 2016

Völlig blockiert

Eines Morgens vor drei Wochen, als ich ins Auto stieg und losfahren wollte, erschien die Anzeige das erste Mal: „Kurvenlicht überprüfen lassen!“ Mit einer großen Dominanz füllten die drei Worte das ganze elektronische Display, das mir sonst über mehrere Details Auskunft gibt. Ja, noch mehr, es füllte auch meinen ganzen Kopf. In Gedanken stellte ich mir vor, wie groß der technische Defekt sein müsste, wenn die Fehlermeldung die ganze Anzeige so aggressiv und einnehmend blockiert. Mein zweiter Gedanke galt natürlich den anfallenden Kosten, die durch die Reparatur entstehen würden. Ich fuhr in die Stadt, stellte den Wagen ab und hoffte inständig, dass dieser Anzeige bei der Rückfahrt einfach nicht mehr erscheinen würde und sich das Problem in Luft aufgelöst hätte. Dem war nicht so. Die Größe der Buchstaben ließ mich befürchten, dass dies keineswegs ein kleines Problem sei. Die Tage vergingen, Autofahren machte keinen Spaß mehr. Endlich hatte ich einen Termin in der Werkstatt. Ich gab den Wagen ab und wartete noch auf die erste Diagnose des Mechanikers, bevor ich mich um einen Mietwagen kümmern wollte. Nach wenigen Minuten kam er zurück und sagte, dass nur eine kleine Lampe kaputt gewesen sei. Er überreichte mir meinen Schlüssel und wünschte mir eine gute Fahrt. Ich muss ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut haben. „Das darf doch nicht wahr sein. So ein kleines Problem blockiert die ganze Anzeige und schafft es, mir die Ausgeglichenheit zu rauben?“
Diese kleine Glühbirne hat mich sehr nachdenklich gemacht und sie ist mir zu einem Beispiel geworden. Wenn ich ehrlich bin, lasse ich es immer wieder zu, dass kleine Sorgen, relativ unbedeutende Probleme und atmosphärische Störungen mich sehr in Beschlag nehmen und blockieren. Ich möchte auf der Hut sein, dass ich nicht die Vorstellung von einem sorgenfreien Leben zur Norm mache und meinen Alltag daran messen. Denn sonst ist es völlig klar, dass ich die Dankbarkeit und die Freude am Leben verliere. Ich möchte einem auftretenden Problem nicht erlauben, an den Grundfesten meines Lebens zu rütteln. Ich bin und bleibe ein von Gott geliebter Mensch und der Allmächtige hat mir in Jesus Christus seine Begleitung und Unterstützung zugesagt. Das soll mein Leben bestimmen, auch dann oder gerade dann, wenn es eben nicht optimal läuft.



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Wort zum Sonntag
am Samstag, 16. April 2016

Sorgenweltmeister

Angeblich sind wir Deutschen nicht nur Fußballweltmeister, sondern auch Sorgenweltmeister. In der Ausgabe des Sonntagsmagazins am vergangenen Wochenende war ein ähnlicher Leitartikel zur Angst zu lesen. Meistens schüttle ich dann nur den Kopf und wundere mich, wie sorgenvoll und angstbesetzt wir Menschen in einem der reichsten Länder der Welt leben - und dann hat es mich am Montag selber erwischt. In der Woche nach Ostern hatten wir in Sachsenweiler traditionell unsere Kinder-Bibel-Woche. Wieder kamen rund 180 Kinder und wurden von 80 Mitarbeitern angeleitet, inspiriert und begeistert. Unseren beiden veranstaltenden Kirchen standen zusätzlich die Räume des Kindergartens, der Grundschule und die Mehrzweckhalle zur Verfügung, was bei dem durchwachsenen Wetter auch gut war. Es gab jeden Tag eine spannende Geschichte rund um Ostern und das Pfingstereignis. Eine tolle 10köpfige Band leitete den vollen Gesang an, viele Helfer brachten sich bei den Workshops ein, eine große Zahl von Kuchenspenden wurde abgegeben und die Sponsoren haben wieder ordentlich in die Tasche gegriffen. Jetzt räume ich das Gemeindehaus auf und mache mir bewusst, mit wie viel Aufwand so ein Event doch verbunden ist. Ein Tisch im Gruppenraum muss repariert werden. Ich sehe Fußspuren an der Tapete im Flur. Und dann steigen Fragen in mir auf, ob die vielen Kinder überhaupt etwas von der guten Nachricht der Auferstehung Jesu Christi mitgenommen haben. Werden sie sich im Laufe ihres Lebens weiter mit Glaubensfragen beschäftigen? Werden sie die persönliche Erfahrung machen, dass Gott ihr starker Freund und Retter ist? Noch in Gedanken versunken verlasse ich das Büro und gehe zum Mittagessen. Auf Höhe des Kindergartens werde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen und realisiere, dass die Kinder auf dem Spielplatz aus vollem Hals alle KiBiWo-Lieder singen, die ihnen einfallen. „Bärenstark, dubidubidu, bärenstark, ist unser Gott“ schmettern zwei Kinder auf der Schaukel um die Wette. In diesem Moment schäme ich mich für meine sorgenvollen Gedanken. Wer bin ich, dass ich Gottes Projekt und sein Wirken in den Herzen der Kinder und der Mitarbeiter infrage stelle? Beschämt und ermutigt setze ich meinen Weg fort. Ja, ich freue mich schon auf die Kinder-Bibel-Woche 2017 und ich hoffe, dass ich heute etwas von den Kindern gelernt habe.


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 20. Februar 2016

Die Weihnachtspyramide

Zugegeben, die Weihnachtszeit ist längst vorbei, aber eine meiner letzten erfolgreichen eBay Auktionen aus dem Advent hängt mir noch nach und gibt mir immer wieder zu denken. Gegen Ende des letzten Jahres habe ich mir online eine kleine Weihnachtspyramide ersteigert. Für handgefertigte und wunderschöne Exemplare aus dem Erzgebirge zahlt man mehrere hundert Euro, mein gebrauchtes Exemplar war dagegen beschämend günstig. Mit entsprechender Gelassenheit realisierte ich dann auch beim Aufbauen, dass die Engel auf der oberen Etage deutlich asiatischer Gesichtszüge und eine orientalische Frisur aufwiesen. Trotzdem habe ich mich über diese Pyramide gefreut. Nachdem ich das Flügelrad zusammengebaut und die ersten zwei von sechs Kerzen angezündet hatte, fing die Pyramide bereits an, sich zu drehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich nicht alle Figuren auf den drei Etagen mitdrehten. Die Engel auf der oberen Plattform erwähnte ich schon. Auf der zweiten Etage zogen zwei Hirten mit fünf Schafen ihre Kreise und ganz unten traten die Weisen aus dem Morgenland mit Kamelen ihre Reise an. Aber mittendrin standen Maria und Josef mit dem Kind in der Krippe ganz still. Fasziniert von der Konstruktion und diesem Bild, erahnte ich die Bedeutung für mein Leben. Noch klarer wurde mir die Botschaft meiner Weihnachtspyramide, als ich die restlichen vier Kerzen anzündete und alle Figuren nun in einem wahnsinnigen Tempo um die Krippe rannten. Zwei Dinge habe ich von meiner Weihnachtspyramide gelernt und lasse mich gerne von ihr immer wieder daran erinnern.
Alles dreht sich um das Kind in der Krippe und späteren Mann am Kreuz, das möchte ich mir als Christ immer wieder bewusst machen. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes der Dreh- und Angelpunkt, nicht nur meines pastoralen Dienstes, sondern auch meines alltäglichen Lebens. Als zweites möchte ich versuchen, nicht mit einem 6-Kerzentempo zu leben. Im Alltag geht es rund und häufig hektisch zu. Meine kleine Weihnachtspyramide soll mir eine Mahnung zur Entschleunigung sein. Wenn mich die vielen Möglichkeiten meines Lebens und die Erwartungen meiner Mitmenschen wieder ordentlich anfeuern und einheizen, dann möchte ich den Mut haben, einige Kerzen auszupusten. Ich glaube, ich sollte meine Weihnachtspyramide durch das Jahr hindurch regelmäßig anzünden und mir ihre Botschaft vor Augen führen.



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Wort zum Sonntag
am Samstag, 23. August 2015

Das optimale Leben

Eigentlich sollte es ein kleiner, erholsamer Kurzurlaub werden. Schon vor Wochen habe ich Informationen gesammelt und verschiedene Optionen durchgespielt. Es muss das optimale Hotel sein, damit ich auch gut entspannen kann. Nicht zu weit vom Wasser, aber auch nicht in der Innenstadt, gut zu erreichen, aber nicht an der Hauptstraße, mit schönen Grünanlagen, aber nicht irgendwo in der Pampa. Optimale Bewertungen sollte es haben, für das Essen, die Sauberkeit und die Freundlichkeit des Personals. Und alles entscheidend ist natürlich der optimale Preis. Ein Schnäppchen sollte es sein, aber nicht nur zwei Sterne haben. Nachdem ich im Ausschlussverfahren, natürlich mit Abstrichen an meine Erwartungen, die scheinbar optimale Unterkunft gefunden habe, freue ich mich auf den Urlaub. Kaum bin ich angekommen, beginne ich, die gebuchten Leistungen zu bewerten, angefangen vom Zimmer, der Ausrichtung des Balkons, weiter über die Auswahl am Buffet und den Strand. Ehe ich mich versehen, neigt sich mein Urlaub dem Ende. Ich komme mir selber auf die Schliche und stelle fest, dass ich innerlich gar nicht in der Lage bin, abzuschalten. Meine mir so kostbare Auszeit ist zu einer filigranen Konstruktion geworden, die bei der kleinsten Störung wie ein Kartenhaus in sich zusammen fällt. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht planen und buchen kann. Es gibt in diesem Jahr besonders viele Wespen, das Meer ist voller Algen oder die Quallen machen das Baden unmöglich. Allen voran habe ich keinen Einfluss auf das Wetter.
Ja, wir sind auf der Jagd nach dem optimalen Leben. Das gilt nicht nur für den Urlaub. Das, auf was wir uns eigentlich sehr freuen, wird mit vielen Sorgen belegt und letztlich als Last empfunden – ein Wohlstandproblem der westlichen Welt.
Ich erinnere mich an den Zuspruch Gottes, der mich endkrampft „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Kor 12,9). Ja, schwach bin ich und in dieser Schwachheit darf ich mich von Gott einfach lieb haben und stärken lassen und mir die Grenze meines Daseins bewusst machen, die Richard Rohr nüchtern mit fünf kernigen Aussagen absteckt: - das Leben ist hart, - du wirst sterben, - du bist nicht so wichtig, - du hast nicht die Kontrolle, - dein Leben dreht sich nicht um dich.
Wer diese Wahrheiten vertiefen möchte, dem empfehle ich das Buch „Vater, Sohn und Männlichkeit“ als Urlaubslektüre. Allen anderen wünsche ich heute einen erholsamen Sonntag bei suboptimalen Bedingungen.



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Wort zum Sonntag
am Samstag, 21. März 2015


Weniger ist mehr

„Gewonnen!“ Ja, wir Menschen gewinnen gerne und ich bin da keine Ausnahme. Wenn wir mit den Kindern gespielt haben, brachte ich es selten übers Herz, extra zu verlieren, um ihnen den Sieg zu ermöglichen. Gewinnen macht Spaß und wir freuen uns, wenn unsere Mannschaft im Stadion gewinnt, auch wenn wir nur auf den Zuschauerrängen oder am Fernseher sitzen. Jeder von uns kann heute an vielen Stellen gewinnen, z.B. im Radio, am Telefon, natürlich beim Lotto und selbst an der Tankstelle. Ja, ich habe auch schon mal was gewonnen. Als ich noch in die Grundschule ging, habe ich an einem Preisausschreiben teilgenommen. Eines Tages kam tatsächlich die Gewinnbenachrichtigung, in der stand „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine von hundert Personenwaagen geworden!“ Mit meinen mäßigen Rechtschreibekenntnissen erkannte ich den feinen Unterschied nicht und tanzte voller Freude durch die Wohnung, weil ich scheinbar ein Auto gewonnen hatte. Wenige Tage später kam das Paket mit der Dezimalwaage zur Gewichtskontrolle. Als ich in der vergangenen Woche den Keller meines Elternhauses entrümpelte, stieß ich wieder auf diese Waage und musste schmunzeln. Ich probierte sie aus, ja sie funktionierte noch, war aber mit den Jahren etwas ungenau geworden, so dachte ich. Ich räumte noch viele andere Sachen aus dem Keller und der Garage auf und mit jeder Anhängerladung, die ich wegfuhr, wurde das Herz leichter. Loslassen lautet das Zauberwort - sich trennen von überflüssigen Dingen und frei zu werden. In der gegenwärtigen Passionszeit, die uns an das Leiden von Jesus Christus erinnert, üben sich viele Menschen im befristeten Verzicht auf etwas, sie fasten. Wer krampfhaft an den Dingen, die ihn umgeben, festhält, steht in der Gefahr, sich und sein Leben unnötig zu belasten. „Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren“, hat Jesus gesagt. Wie viele der Bücher in meinem Regal werde ich noch lesen? Welche Krawatte werde ich noch nutzen? Wenn solche Fragen eine entschlossene Handlung zur Folge haben, können wir eine neue Freiheit und eine Besinnung auf das Wichtige erleben. Loslassen um zu gewinnen. Jesus Christus hat sein Leben gegeben, damit wir das Leben gewinnen. Das wollen wir in zwei Wochen beim Osterfest voller Freude feiern, denn dieser Gewinn ist größer als alles, was wir uns vorstellen können.

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Wort zum Sonntag
am Samstag, 30. August 2014



Lieber Gott, wenn es dich gibt…

So lauten der Titel und die entscheidende Zeile eines Liedes, das vor 32 Jahren in die Charts kam. Gesungen hat es Peter Maffay, der übrigens heute 65 Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch, Peter, und danke für den Song! Ich gebe zu, man muss die 40 überschritten haben, um sich an den Hit von damals erinnern zu können. Ich frage mich, wie würde ich selber heute diese Zeile vervollständigen? Lieber Gott, wenn es dich gibt, warum müssen dann Menschen hungern und leiden? Warum gibt es dann immer noch Krieg in der Welt? Warum werden unmenschliche Grausamkeiten vor laufender Kamera vollzogen und warum denken wir immer noch, dass die beste Antwort auf Gewalt mehr Gewalt ist? Warum lässt du das zu, Gott? Aber Maffays Lied stimmt nicht in den allgemeinen Klagegesang ein und prangert das Elend dieser Welt an. Er erahnt das Böse in uns und fragt nach dem Weg und der Hilfe heraus aus dem inneren Elend. „Lieber Gott wenn es dich gibt, zeig uns deinen Weg, eh das Böse in uns siegt.“ Diesem Gebet kann ich mich von ganzem Herzen anschließen. Menschlichkeit, Hoffnung und Frieden, allein dafür lohnt es sich zu leben, singt er. Die Bitte um einen gangbaren Weg des Friedens und ein erkennbares Beispiel für Menschlichkeit hat Gott meines Erachtens schon vor 2000 Jahren erfüllt. „Ich bin der Weg“ hat Jesus Christus gesagt. Auf diesem Weg, nämlich hinter Jesus Christus her, in seiner Nähe und durch seine Vergebung erfüllt sich die Bitte „hilf uns aus unserer Einsamkeit“. Ich möchte noch bewusster danken für Gottes Begleitung und Liebe im Alltag, und ich möchte nicht müde werden, für ein friedlicheres Miteinander und ein gerechtes Handeln in der Welt zu beten. Aber ich möchte lernen, dieses Gebet mit den Worten abzuschließen „und fang bei mir an“.


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 22. Februar 2014

Gold wert

Wie es der Zufall so will, schreibe ich wie vor 2 Jahren das Wort zum Sonntag vor der Abschlussfier der olympischen Spiele, heute aber mit einem anderer Perspektive. Morgen ist also der Zauber der olympischen Winterspiele vorbei. Die politischen Diskussionen waren während den Spielen in den Hintergrund getreten und die Kritik an den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen ist Schnee von gestern. Was jetzt zählt, sind die Medaillen, und zwar in erster Linie die goldenen. Mein erster Blick beim täglichen Zeitunglesen fiel in den letzten Wochen auch auf den Medaillenspiegel aus Sotschi. Bei den Fernsehübertragungen und live-Berichten konnten wir spüren, dass Olympia nach wie vor voller Emotionen steckt. Dabei kommt es scheinbar immer auf die Perspektive und die eigenen bzw. fremden Erwartungen an. Wir sahen Gewinner einer Bronzemedaille, die vor Begeisterung in die Luft sprangen, und solche, die untröstlich waren, weil sie nur Rang drei erreicht haben. Für viele ist es schon eine große Freude, überhaupt als Sportler dabei zu sein. Es ist bestimmt ein erhebendes Gefühl, einer der 153 deutschen oder der 220 kanadischen Athleten zu sein. Aber was bedeutet es wohl für die alleinigen Vertreter aus Paraguay, Nepal oder Simbabwe, als einzige Sportler ihres Heimatlandes in Sotschi dabei zu sein?
In unserem Alltag geht es nicht so olympisch zu. An der Kasse beim Einkaufen sind wir einfach eine bzw. einer mehr in der Schlange. Am Arbeitsplatz sind wir austauschbar und ersetzlich, was nicht unbedingt die Erwartungen an unsere Leistung herabsetzt, ganz im Gegenteil. An Tagen, die mir dieses Gefühl der Gleichgültigkeit vermitteln, hilft es mir, meine Perspektive zu ändern und mir bewusst zu machen, dass ich Gottes einzigartiger Vertreter an genau dieser Stelle auf dem Globus bin, die ich gerade ausfülle. Er gibt mir das Vertrauen, heute mein Bestes für ihn zu geben. Dabei bleibt er selber als mein persönlicher Trainer eng an meiner Seite. Was für ein Vorrecht - ich bin ihm Gold wert! Probieren Sie doch auch mal diesen Perspektivenwechsel.


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 23. Februar 2013

Schatzsuche

Ja, ich bekenne, ich habe mich auch vor Jahren anstecken lassen von dieser modernen Schatzsuche „Geocaching“. Schon als Kind habe ich gerne Verstecke gesucht oder gelegt und beim Kindergeburtstag liebte ich es, Schnitzeljagd zu spielen. Heute mache ich das also mit einem GPS-Gerät und empfange die Koordinaten der Verstecke von Satelliten aus dem Weltall – so geht Schnitzeljagd im 21. Jahrhundert. Das klingt vielleicht alles furchtbar weit weg, ist aber im Grunde ziemlich nah. So gibt es zurzeit ungefähr 45 versteckte Dosen (Cache) im Backnang Stadtgebiet, fünf davon habe ich selber gelegt. Auch wenn ich auf Dienstreise bin oder in den Urlaub fahre, ist mein Empfangsgerät dabei, denn mit Hilfe der übermittelten Koordinaten lassen sich auch ohne Sprachkenntnisse Verstecke in fremden Ländern finden, von denen es mittlerweile fast 2 Millionen gibt. Vor kurzem fragte mich jemand, warum mir dieses Hobby so viel Spaß macht. Das war eine gute Frage. Mir wurde bewusst, dass es wohl der Reiz des Speziellen im Alltäglichen ist. Da liegt, klebt oder hängt also eine kleine versteckte Dose mitten in der Fußgängerzone oder im belebten Stadtpark und die meisten Menschen gehen unwissend daran vorbei.
Vielleicht ist es das gleiche Phänomen, was meine Begeisterung für den Glauben an Jesus Christus immer wieder weckt. Ohne himmlische Unterstützung fehlt uns Menschen oft der Blick fürs Spezielle. Wir leben unseren Alltagstrott und sehnen uns nach der großen Abwechslung, dem Jahresurlaub oder einfach nur nach einer entspannenden Auszeit. Dabei ist das Spezielle doch so nah und die Kostbarkeit des Alltags nicht zu übertreffen, denn wir Gottes Spuren darin entdecken. Ja, das Himmelreich gleicht einem Schatz (Matthäus 13,44) und diesen Schatz werden wir nicht erst am Ende unseres Lebens finden, sondern mit Gottes Hilfe Tag für Tag. Das ernsthafte Interesse eines Freundes an meinem Leben ist für mich so ein Schatz im Alltag. Das klärende Gespräch, das ein Missverständnis oder einen Streit aus dem Weg räumt, gehört ebenfalls zu den Alltagsschätzen. Die Tatsache, dass Jesus Christus mir vergeben hat und meinem Leben Sinn gibt, ist eine große unerschöpfliche Schatztruhe! Und letztlich bin ich selber Gottes Schatz in meinem Alltag, wenn ich mir seine Zusage auf der Seele zergehen lasse: wir sind Gottes geliebte Kinder! (Epheser 5,1)


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 17. März 2012


Flurputzete

Am heutigen Samstag findet in der Stadt Backnang die jährliche Flurputzete statt. Das ist eine großartige Einrichtung und ich hoffe, dass sich wieder viele Freiwillige daran beteiligen. Das ganze Jahr über sind Mitarbeiter der Stadt im Einsatz, um unseren Lebensraum einigermaßen sauber zu halten. Vor einiger Zeit fiel mir ein besonders zugemüllter Ort auf, den ich dem Bauhof telefonisch gemeldet habe und in kürzester Zeit wurde dort gründlich aufgeräumt - herzlichen Dank dafür! Manche Flecken in Feld und Flur scheinen besonders anfällig für die willkürliche Müllentsorgung zu sein. Ganz im Gegenteil zum schwäbischen Hausflur, der sich in der Regel großer Sauberkeit erfreut. Wenn ich ehrlich bin, sieht es in meinem Leben ganz ähnlich aus. Da gibt es Orte bzw. Bereiche, die werden regelmäßig gepflegt, aufgehübscht und zur Repräsentation freigegeben. Das kann mein aufgeräumtes Wohnzimmer sein oder mein rasiertes Gesicht. Und dann gibt es Bereiche, die nicht so eine gründliche Pflege genießen. Immer wieder denke ich "man sollte mal" oder "ich müsste wieder“. Aber diese Bereiche lassen sich nicht mit dem Staubsauger ordnen. Eine Rückbesinnung auf meine eigentlichen Werte, eine Aufarbeitung meiner ungeklärten Beziehungen und der aufgestaute Frust werden mich wesentlich mehr Energie kosten, als eine Rasur. Wenn es doch so einfach wäre wie beim städtischen Bauhof: ein Anruf genügt und jemand kümmert sich darum. Dabei ist diese persönliche Flurputzete so befreiend, dass ich sie nicht aufschieben sollte. Aber ich kann mich nicht aufraffen, denn ich bin mit meinen Problemen scheinbar allein. Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein Anruf ein, den David, der König des alten Israels einmal getätigt hat. David rief (bei) Gott an mit der Bitte: Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne wie ich's meine. Und sie, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. (Psalm 139,23 + 24). Das ist persönliche Flurputzete mit himmlischer Unterstützung. Ich bin gar nicht allein wenn es darum geht, mein Leben zu ordnen und von Müll zu befreien. Gott bietet mir und jedem Menschen in Jesus Christus seine Hilfe an. Dann ist heute ein guter Tag für so eine Flurputzete!



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Wort zum Sonntag in der BKZ
August 2012

Medaillenspiegel

Morgen werden die olympischen Spiele in London zu Ende gehen und die letzten der insgesamt über 900 Medaillen verliehen. An keinem anderen Wettkampftag aber werden so viele Medaillen verliehen wie heute, nämlich mindestens 96, also je 32 mal Bronze, Silber und Gold. Ich bewundere jede und jeden, die bzw. der an den olympischen Spielen teilgenommen hat, möchte aber das Augenmerk einmal mehr auf die Medaillengewinner richten. Manche von ihnen sind zufrieden, weil sie diese Auszeichnung erwartet haben und sie ihren Leistungen entspricht, andere sind überrascht, weil sie nicht mit einer Platzierung unter den ersten drei gerechnet haben, und wieder andere ärgern sich, dass sie nur Bronze oder Silber und nicht Gold gewonnen haben. Dabei geht es ja nicht um die persönliche Bereicherung durch die empfangene Medaille aus Edelmetall, denn die wäre, trotz eines Gewichts von rund 400g, nicht sonderlich groß. Am deutlichsten ist das bei der Bronzemedaille, die einen Materialwert von 2,11 Euro hat. Nein, es geht um die persönliche Wertschätzung und die Anerkennung ihrer Leistungen, die die Gewinner erhalten und empfinden. So exponiert die olympischen Spiele auch sind, hier spiegeln sie das menschliche Grundbedürfnis nach Beachtung wider und durch den Medaillenspiegel sind wir als Nation irgendwie beteiligt. Wahrscheinlich werden die wenigsten von uns je eine Olympiamedaille erhalten, aber wir können uns gegenseitig doch sehr häufig eine Wertschätzung entgegenbringen. Wie wohltuend ist z.B. das natürliche Lächeln eines Verkehrsteilnehmers, den ich fast übersehen hätte oder der aufrichtiger Dank gegenüber Menschen in dienstleistenden Berufen. Ich kenne Menschen, zum Glück sind es sehr wenige, die haben das Wort Danke gar nicht in ihrem Wortschatz. Und ich kenne Menschen deren überzogene Danksagung furchtbar anstrengend ist. Am gesündesten empfinde ich es, wenn Menschen aus dem Bewusstsein leben, selber von Gott geliebte Menschen zu sein und diese Liebe natürlich und authentisch an ihre Mitmenschen weitergeben. Vorgemacht hat das der Psalmist David indem er sich selber den Spiegel vorhält und dabei betet: „Gott, ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt.“ (Psalm 139,14)


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 15. Januar 2011

Hilft Gebet?
In diesen Tagen treffen sich in vielen Ländern Menschen zum gemeinsamen Gebet. Auch in Backnang findet eine Gebetswoche der Evangelischen Allianz statt – morgen um 15.00 Uhr ist ihr Abschluss in der Stiftskirche.
Wir haben nicht genug gebetet“ höre ich immer wieder in christlichen Kreisen. Meistens geht es dann um die ausbleibende Erfüllung unserer Wünsche. Hilft Gebet oder hilft es nicht? Müssen wir, um bei Gott zu unserem Ziel zu kommen, viel und lange und oft beten?
Zu dieser Frage erzählte Jesus Christus die Geschichte einer Frau, der Unrecht getan wurde (Lukas 18,1-8). Der Richter ihrer Stadt, von dem sie sich Hilfe erhofft, ist korrupt und möchte sich nicht für ihr Recht einsetzen. So kommt sie immer und immer wieder und trägt ihm penetrant ihr Anliegen vor. Den Richter nervt das mit der Zeit. Weil er sogar fürchtet, dass die Frau am Ende handgreiflich werden könnte, kümmert er sich schließlich doch um ihren Fall und verschafft ihr Recht, nur um sie los zu werden.
Jesus selber deutet die Beispielgeschichte, indem er sagt, dass Gott eben nicht so ist wie der selbstherrliche Richter. Gott ist anders, ganz anders. Wenn das stimmt, und ich bin davon überzeugt, dann stelle ich mir die Frage, ob ich mich trotzdem so verhalten muss wie die Frau in dem Beispiel? Wenn diese Geschichte uns etwas über das zuversichtliche Gebet sagen soll, dann doch wohl dies: Gott ist nicht wie dieser Richter, darum brauchen auch wir nicht so sein wie diese Frau.
Hilft Gebet? Mir ja, denn ich lerne aus dieser Geschichte, dass Gott mich gerne anhört, mich wirklich versteht, sich meine Sorgen zu Herzen nimmt und sich tatsächlich um meine Anliegen kümmert. Ich muss ihn also nicht durch viele oder lange Gebete beknien. Im Kopf weiß ich das jetzt, aber ich möchte mich noch darin üben, Gott alle meine Sorgen zu sagen und mich dann fröhlich und zuversichtlich meinem Alltag zuzuwenden.


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Wort zum Sonntag
am Samstag, 04.April 2009

Lutz Heidebrecht

Widerstand leisten

Heute vor 41 Jahren wurde Martin Luther King auf dem Balkon eines Motels in Memphis erschossen. King war ein großer Verfechter des gewaltfreien Widerstands und machte zusammen mit den 42.000 Schwarzen in Montgomery eine bahnbrechende Erfahrung. Bis Ende 1955 sahen sich die farbigen Bürger des Bundesstaates Alabama den Repressionen und Belästigungen vieler Weißer hilflos ausgeliefert. So mussten sie zum Beispiel nach dem Bezahlen des Bustickets beim Fahrer den Bus wieder verlassen und durch die Hintertür wieder einsteigen, um ihre zugewiesenen Plätze im Heck des Busses einzunehmen. Nicht selten fuhr der Bus aber in der Zwischenzeit ohne sie los. Über einen Zeitraum von 381 Tagen leisteten Tausende zivilen Ungehorsam indem sie die Busse boykottierten. So erreichten sie, dass der Oberste Gerichtshof nach über einem Jahr die Segregationspraxis in den Bussen als verfassungswidrig erklärte. Dieser Erfolg war ein wichtiger Meilenstein für die Bürgerrechtsbewegung, weil er den Beweis lieferte, dass Unrecht nicht nur still erduldet oder mit Gegengewalt beantwortet werden kann, sondern auch mit gewaltfreiem Widerstand. Dieser Widerstand ist aber kein Spaziergang, sondern er muss geleistet werden. Wer gewaltfrei gegen Mächtige antritt, der muss sich anstrengen. Es ist eine Leistung, erfahrenes Unrecht nicht mit Hass zu beantworten und somit das Karussell der eskalierenden Gewalt weiter anzutreiben. Aber diese Leistung, so wusste auch ML King, ist nicht aus eigener Kraft zu erbringen. Deshalb stand für ihn im Mittelpunkt der Lehre vom gewaltlosen Widerstand das Gebot der Liebe.
Mit großen Schritten gehen wir dem Osterfest entgegen, dem Fest, in dessen Zentrum die Liebe Gottes über den Tod siegt. Am morgigen Palmsonntag denken Christen an den Einzug von Jesus Christus in Jerusalem. Er wurde als König begrüßt und ritt doch symbolträchtig auf einem Esel. Gewaltfrei leistet er Widerstand gegen den ihm entgegenschlagenden Hass, der sich schließlich in der Kreuzigung entlädt. Hier hat Gott (sich) etwas geleistet, was ihn viel gekostet hat. Seine Liebe und seine Kraft können uns heute helfen, die Gewaltspiralen unseres Alltags zu durchbrechen.


Pastor Lutz Heidebrecht
Mennonitengemeinde Backnang
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Lutz Heidebrecht

Wort zum Sonntag
am Samstag, 20. Mai 2017

Reformationsjubiläum einmal anderes

Vor genau 450 Jahren, also im Jahr 1567, hielt sich der lutherische Theologe Jakob Andreae in Esslingen 33 bemerkenswerte Predigten. Jakob Andreae, geboren 1528 in Waiblingen, war mittlerweile Theologieprofessor in Tübingen und kam wohl wegen der dortigen Pest für einige Monate nach Esslingen. Er war maßgeblich an der Erstellung der Konkordienformel (1577) beteiligt, die die Zerwürfnisse innerhalb der lutherischen Kirche nach dem Tod Martin Luthers verbinden sollte.

Die letzten 10 Predigten seiner Predigtreihe in Esslingen widmete er der Lehre der Täuferbewegung, die durch die Tätigkeit des Täuferpredigers Wilhelm Reublin in Süddeutschland zu einer beachtlichen kirchlichen Gruppe geworden war. Das Täufertum war hier zunächst von den Schweizer Täufern bestimmt worden. In Friesland wurden die verfolgten Täufer dann Mennoniten genannt, weil sie dort von dem ehemaligen katholischen Priester und Namensgeber Menno Simon in Ortsgemeinden gesammelt und betreut wurden.

Warum sollte man sich nach 450 Jahre an Jakob Andreae erinnern? Weil er sich zusammen mit Johannes Brenz deutlich gegen die damals häufig an den Täufern vollzogenen Todesstrafe ausgesprochen hat. Natürlich hat er in seinen Predigten in Esslingen versucht, die Überzeugungen der Täufer zu widerlegen, aber er hat sich immerhin die Mühe gemacht, ihre Schriften zu lesen, sich mit Vertretern der Bewegung zu treffen und ihre Argumente zu verstehen. So geht er Schritt für Schritt die täuferischen Überzeugungen durch und spricht über Wahrhaftigkeit, Gewaltfreiheit, das Taufverständnis und das fehlende Amtsverständnis der Täufer. Wir können mindestens zwei Sachen von Jakob Andreae lernen.

Im Jahr des 500jährigen Reformationsjubiläums sollten gläubige Menschen sich nicht weniger Mühe geben, einander zu verstehen. Ökumene ist kein Einheitsbrei, sondern die profilierte Begegnung von Menschen mit unterschiedliche Überzeugungen. Auch wenn Jakob Andreae nicht um Verständnis für die Täufer geworben hat, soll seine Überzeugung hervorgehoben werden, dass keine Konfession und keine Religion die von ihr erkannte Wahrheit mit Gewalt durchsetzen darf.

Ja, das ist angesichts der Glaubenskriege im 21. Jahrhundert ein frommer Wunsch für das Reformationsjubiläum, aber vielleicht können wir uns in unserem Umfeld für seine Verwirklichung einsetzen.


Pastor Lutz Heidebrecht
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